Kernaussagen Jutta Paulus MdEP

Mitglied des Europäischen Parlaments

  1. Deutschland muss sich für einen Europäischen Atomausstieg einsetzen, denn die Folgen nuklearer Katastrophen kennen keine Grenzen.
  2. Atomkraft ist keine Lösung für die Klimakrise und frisst Gelder für kostengünstige, klimafreundliche und umweltschonende Alternativen. Solar- und Windenergie haben die Atomkraft längst überholt.
  3. Atomkraft ist extrem teuer, nicht versicherbar, die Schäden von Unfällen gigantisch und wir wissen noch immer nicht, wo wir den Müll für Millionen Jahre einlagern können.

Ergänzende Informationen zu den Kernthesen

  1. Wir brauchen einen Europäischen Atomausstieg

Die Folgen nuklearer Katastrophen kennen keine Grenzen. Deshalb muss Deutschland eine zentrale Rolle beim Kampf für einen europäischen Atomausstieg spielen und sich im Rat der Europäischen Union dafür stark machen. Während Deutschland bis Ende 2022 komplett aus der Kernenergie aussteigen wird, halten andere europäische Staaten weiterhin an der Atomkraft fest oder planen den Atomeinstieg. Frankreich macht Ernst mit der Laufzeitverlängerung seiner 900 Megawatt Atomreaktoren, immerhin 32 seiner insgesamt 58 AKWs. Und das obwohl sie ihre maximale Laufzeit von 40 Jahren erreicht haben und ihre Sicherheitskonzepte noch aus den 1960er und 1970er Jahren sind. Die Reaktoren sind auch gar nicht nachrüstbar, um heutige Sicherheitsstandards zu erfüllen. Trotzdem sollen sie noch weitere 20 Jahre am Netz bleiben und sogenannten gelben Wasserstoff produzieren. Polen und die Slowakei planen den Einstieg in die Atomkraft und auch Schweden und Finnland liebäugeln mit sogenannten „Kleinen Modularen Reaktoren“ als vermeintlich klimapolitische Lösung. Die Gefahr durch Atomkraftwerke wächst mit zunehmendem Alter der Reaktoren, der Uranabbau verseucht ganze Landstriche, und wir wissen bis heute nicht, wo wir unseren Atommüll deponieren werden.

2. Atomkraft ist keine Lösung für die Klimakrise

Atomkraft ist keine Technologie der Zukunft. Obwohl es längst kostengünstige, klimafreundliche und umweltschonende Alternativen gibt, halten europäische Länder an der Nuklearenergie fest. Letztes Jahr überstieg die in der EU installierte Solarkapazität mit 130 GW jene der Atomkraft mit 116 GW. Windenergie hat die Atomkraft bereits 2014 überholt. Erneuerbare Energien (inklusive Wasserkraft) haben 35 Prozent des Stroms generiert, während es bei der Atomkraft nur 25,5 Prozent waren.

Unter dem Vorwand der „technologischen Neutralität“ droht weiterhin die Klassifizierung von Atomstrom als nachhaltige Energiequelle. Nach den neuen EU-Finanzierungsregeln, der sogenannten Taxonomie, dürfen EU-Investitionen nur noch in nachhaltige Technologien fließen, die keinen signifikanten Schaden anrichten können. Weil mehrere EU-Mitgliedstaaten Druck ausübten, Atomkraft als nachhaltig und sicher zu klassifizieren, wurde die Entscheidung an Expertengruppen abgegeben.  Die „Gemeinsame Forschungsstelle“ (JRC), eine der Expertengruppen der Europäischen Kommission, stufte Atomkraft daraufhin als nicht schmutziger oder umweltschädlicher als andere Technologien ein. Hierbei muss erwähnt werden, dass das JRC das Nachfolgegremium mehrerer Nuklearinstitute ist und der Atomwirtschaft traditionell eng verbunden ist. Der Einschätzung des JRC haben mittlerweile mehrere Expert*innen widersprochen, unter anderem das Österreichische Ökoinstitut und das Deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Auch eine weitere Expertengruppe der Europäischen Kommission mahnte an, dass die Ergebnisse des Joint Reserach Council auf zu oberflächlichen Annahmen beruhen.

Sollte Atomkraft im Herbst 2021 tatsächlich als grüne Technologie eingestuft werden, drohen in Zukunft Milliarden Euro aus dem Europäischen Grünen Deal in Atomkraftwerke zu fließen. Gelder, die dann für den Ausbau Erneuerbarer Energien, den Umbau unserer Wirtschaft und die Forschung fehlen werden. Dabei darf der Europäische Grüne Deal nicht als Finanzspritze für marode, unwirtschaftliche Atomkraftwerke missbraucht werden, sondern muss die Weichen für eine nachhaltige und sichere Zukunft für nachfolgende Generationen legen. Die Klimakrise erfordert schnellstmögliches Handeln. Jeder Cent für die Atomkraft ist ein Cent weniger für wirklich nachhaltige Technologien.

 3. Atomkraft ist teuer und lohnt sich nicht

Atomkraft ist extrem teuer, nicht versicherbar, die Schäden von Unfällen gigantisch und wir wissen noch immer nicht, wo wir den Müll für Millionen Jahre einlagern können. Selbst, wenn Atomstrom sauber und nachhaltig wäre, dauert es viel zu lange, um Atomkraftwerke zu bauen. Durchschnittlich braucht es rund zehn Jahre pro AKW. Das ist Zeit, die wir in der Klimakrise nicht haben. Atomkraft ist nicht nur keine Lösung gegen die Erderwärmung, sondern wird durch die Klimakrise anfälliger. Waldbrände, Dürren und Überflutungen werden in Zukunft weiter zunehmen und auch die Sicherheit europäischer Kraftwerke bedrohen. Jedes Atomkraftwerk in Europa ist eine Bedrohung für den gesamten Kontinent. Jeder Cent für die Atomkraft ist ein Cent, der dem Ausbau Erneuerbarer Energien fehlt.